Orden geben Antworten auf Krisen

Krisenzeiten sind für die Katholische Kirche und im Speziellen für die Ordensgemeinschaften eine Herausforderung, die als Chance genutzt werden soll. Der Linzer Moraltheologe Professor Michael Rosenberger hat seine Gedanken dazu beim Ordenstag 2021 dargelegt.

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Prof. Michael Rosenberger. (c) Suzy Stoeckl

Ein biblisch orientierter „krisenbereiter“ Umgang mit Herausforderungen bedeutet für Einzelpersonen oder Gemeinschaften, sich vom Leid anderer Menschen bewegen zu lassen und an einer gerechten Gesellschaft zu arbeiten, und zwar mit „engagierter Gelassenheit“.

Rufbereitschaft

Besonders hob Rosenberger die „Rufbereitschaft“ hervor, die ein Kennzeichen jedes getauften Christen, im Speziellen jedoch der Ordensleute sein müsse. Dabei geht es darum, „zu rechnen, dass mich der Ruf Gottes jederzeit treffen kann und ich dann bereit sein sollte, auch alles stehen und liegen zu lassen“, erklärte der Theologe. Hellhörigkeit, Voraussicht und auch das Einüben von Reaktionsmustern seien freilich nötig, um im richtigen Augenblick handeln zu können. Gegen Überforderung und Burnout schützt das Bewusstsein, „dass nicht jeder für alles zuständig sein muss, sondern für ein, zwei Einsatzbereiche“ – gemäß der eigenen Begabung, ergänzt durch das Wirken der anderen.

Orden geben „Antwort auf Krisen“

Orden hätten schon immer „Antwort auf Krisen“ gegeben: „Die Gründungen erfolgten stets aus Krisensituationen heraus im klaren Wissen um die eigene Zuständigkeit“, verwies Rosenberger auf Gründergestalten wie Benedikt von Nursia, Franz von Assisi oder Ignatius von Loyola. Der dankbare Blick zurück ist für die Orden wichtig, darf jedoch nicht dazu führen, „in der Vergangenheit zu leben“, unterstrich der Theologe: Nur zu imitieren und an Bräuchen und Gewohnheiten festzuhalten kann problematisch sein. Richtig verstandene Tradition sei vielmehr lebendig und erfordert, „sich an die Aufgaben seiner Zeit zu wagen mit dem gleichen Mut, wie die Vorfahren ihn gegenüber ihrer Zeit hatten. Alles andere ist Imitation und Mumifikation“, zitierte er aus „Stiller“ von Max Frisch.

Bei Klimakrise noch „Nachholbedarf“

Vorbildliche Rufbereitschaft in jüngsten Krisen hatten die Orden 2015 gezeigt, lobte Rosenberger. „Man kann sich nicht vorstellen, wie die Flüchtlingskrise ohne den Beitrag auch der Kirche bewältigt werden hätte können.“ Bei der Klimakrise ist hingegen noch „Nachholbedarf“ gefragt, da es hier noch keine breite innerkirchliche Bewegung dazu gibt, und in der Corona-Krise zeigten sich höchst unterschiedliche Reaktionsmuster. „Manche Priester und auch Ordensgemeinschaften sind ganz untergetaucht, andere hingegen zur Höchstform angelaufen, indem sie mit unglaublicher Kreativität innerhalb der engen Grenzen Angebote für Trost, Orientierung und Hilfe schufen.“

Der Klimawandel ist Realität! Die farbcodierten Streifen zeigen sehr deutlich die Erderwärmung von 1850 bis heute. (Daten: WMO annual global temperature dataset)

Der Klimawandel ist Realität! Die farbcodierten Streifen zeigen sehr deutlich die Erderwärmung von 1850 bis heute. (Daten: WMO annual global temperature dataset)

„Act Now!“

Auf tätiges Wirken kommt es dabei mehr an als auf das gesprochene Wort, und ein sofortiges Wirken nach dem aus der „Fridays for Future“-Begegnung kommenden Slogan „Act Now!“ sei „sehr evangeliumsnah“, befand der Linzer Universitätsprofessor. Die Dankbarkeit für die Vergangenheit wie auch die Hoffnung auf die Zukunft hatten ihren Sinn vor allem darin, „Kraft und Orientierung zu bekommen für die Gegenwart, die es jetzt und heute zu gestalten gilt“. Die Menschheitskrisen der jeweiligen Zeit sind dabei als „Anrufe Gottes an uns“ zu verstehen, weniger jedoch die Kirchenkrise: Wenn die Kirche zu sehr im eigenen Saft schwimme und nur an eigenen Reformthemen feile, „verpassen wir das Entscheidende“, unterstrich Rosenberger. Weitere Impulse zum Thema des Ordenstages 2021 gaben die Priorin der Benediktinerinnen Köln Sr. Emmanuela Kohlhaas mit „Ordensleben ist Kompass für synodalen Prozess“ und die ehemalige deutsche Vatikan-Botschafterin Annette Schavan mit „Kirchliche Erneuerung stark von Orden getragen“.